Klassische Hämatologie
Die klassische Hämatologie befasst sich im Gegensatz zur Leukämie- und Lymphomdiagnostik mit sogenannten nicht‑malignen Erkrankungen des Blutes und der blutbildenden Organe. Dazu zählen vor allem angeborene Anämien, wie die Hämoglobinopathien (z.B. Thalassämien, Sichelzellkrankheit), Membranopathien (z.B. hereditäre Sphärozytose) und Enzymopathien (z.B. Pyruvatkinase-, G6PD-Mangel). Zur Diagnostik werden in der klassischen Hämatologie sowohl laborchemische Untersuchungen zur Charakterisierung des Phänotyps und Beurteilung des klinischen Schweregrades als auch humangenetische Methoden zur Identifizierung der zugrundeliegenden Sequenzvariante herangezogen.
- Peripheres Blut (EDTA)
Laborchemische Untersuchungen (1 bis 7 Tage); Humangenetik (2 bis 10 Tage)
Untersuchungsmaterial
Für die laborchemischen Untersuchungen wird peripheres Blut mit EDTA als Antikoagulanz benötigt (je nach Untersuchung 0,5-4mL). Ein Großteil der Untersuchungen (Blutbild, osmotische Fragilität der Erythrozyten, Enzymaktivitätsmessungen) sollte innerhalb von 48 h nach Probennahme im Labor und abgeschlossen sein. Für die Erhebung des Eisenstatus wird Serum benötigt.
Zur Durchführung von humangenetischen Untersuchungen wird peripheres EDTA-Blut verwendet. Da es sich bei den Untersuchungen im Bereich der Klassischen Hämatologie um vererbte Krankheiten handelt, wird zur Durchführung humangenetischer Untersuchungen eine von der Patientin oder dem Patienten unterzeichnete Einverständniserklärung nach GenDG benötigt.
Methodik
Blutbild
Bei allen Aufträgen der Klassischen Hämatologie werden ein kleines Blutbild einschließlich Erythrozytenindices und Retikulozyten gemessen. Diese Ergebnisse erleichtern die Abklärung von Anämien und die Interpretation der übrigen Untersuchungsergebnisse.
Hämoglobinelektrophorese
Bei der Hämoglobinelektrophorese werden die unterschiedlichen Fraktionen des Hämoglobins aufgetrennt und quantifiziert. Dies dient dem Nachweis von anomalen Hämoglobinen (Hämoglobinstrukturvarianten wie HbS bei der Sichelzellkrankheit) und gibt Hinweise auf eine vorliegende Thalassämie.
Immunphänotypisierung (EMA-Test)
Bei Verdacht auf eine hereditäre Sphärozytose wird die Bindung des Fluoreszenzfarbstoffs Eosin‑5‑Maleimid (EMA) auf Erythrozyten durchflusszytometrisch gemessen. Diese ist bei Patienten und Patientinnen mit hereditärer Sphärozytose typischerweise vermindert, kann aber bei anderen Membrandefekten der Erythrozyten unterschiedlich ausfallen.
Osmotische Fragilität von Erythrozyten (PINK/AGLT-Test)
Der PINK-Test ist in der Praxis dem AGLT-Test gleichwertig und ein Ausdruck der osmotischen Fragilität von Erythrozyten. Diese dient als funktioneller Parameter für Membrandefekte, insbesondere der hereditären Sphärozytose.
Enzymaktivität in Erythrozyten
In gewaschenen Erythrozyten kann die Aktivität von Enzymen in Erythrozyten gemessen werden, um einen eventuellen Mangel des Enzyms nachzuweisen. Diese Untersuchungen sind jedoch in nur geringem Maße standardisiert und präanalytischen Störfaktoren ausgesetzt. Aus diesem Grund wird in vielen Fällen die Molekulargenetik zum Nachweis von Sequenzvarianten herangezogen, die einen Enzymmangel verursachen. Die Messung der Enzymaktivität ist in diesen Fällen dann der Abklärung von Sequenzvarianten unklarer klinischer Signifikanz vorbehalten.
Humangenetik
Zur Identifizierung von Sequenzvarianten, die eine hereditäre Anämie verursachen, werden unterschiedliche Methoden aus dem Bereich der Humangenetik angewandt. Next-Generation-Sequenzierung (NGS) wird zur Identifizierung von SNVs (Einzelbasevarianten) und kleineren Deletionen und Insertionen (InDels) verwendet. Größere Deletionen (CNVs) werden mithilfe der MLPA nachgewiesen.
Abhängig vom Phänotyp des Patienten und den laborchemischen Untersuchungsergebnissen werden entsprechende Kandidatgene für die vermutete Krankheitsgruppe (Hämoglobinopathie, Membranopathie oder Enzymopathie) untersucht. Führen diese Untersuchungen nicht zur Identifizierung einer entsprechenden krankheitsauslösenden Variante, steht die Möglichkeit der Ganzgenomsequenzierung (WGS) zur Verfügung, um im gesamten Genom nach entsprechenden Veränderungen zu suchen.
Humangenetische Methoden werden auch verwendet, um weitere Erkrankungen aus dem Bereich der Klassischen Hämatologie abzuklären, wie z.B. zyklische Neutropenie, ACKR1/DARC-assoziierten Neutropenie (ADAN) oder familiäre Erythrozytosen.
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»Die integrierte Anwendung von laborchemischen und molekulargenetischen Untersuchungen ist für eine schnelle und präzise Diagnose in der klassischen Hämatologie unerlässlich.«
Dr. Dr. med. Armin Piehler, PhD MM