AlphaGenome: KI-Modell zur Interpretation nicht-kodierender Genomvarianten

25. Juni 2026

Neue Horizonte in der Leukämieforschung: Ausgewählte Paper im Fokus

Mehr als 98 % aller genetischen Varianten des Menschen liegen außerhalb protein-kodierender Regionen im sogenannten nicht-kodierenden Genom. Diese Bereiche steuern, wann, wo und wie stark Gene abgelesen werden. Nicht-kodierende Varianten können beispielsweise die Chromatinzugänglichkeit, epigenetische Modifikationen oder die räumliche Chromatinstruktur beeinflussen. Bisherige KI-Modelle konnten jeweils nur einen Teil dieser regulatorischen Eigenschaften vorhersagen und lieferten so nur Ausschnitte des Gesamtbildes.

Google DeepMind hat nun mit AlphaGenome ein einheitliches Deep-Learning-Modell vorgestellt, das DNA-Sequenzen von bis zu einer Megabase verarbeiten kann und damit größere genomische Bereiche erfasst als bisherige Modelle. Dabei kann AlphaGenome gleichzeitig elf regulatorische Eigenschaften innerhalb einer einheitlichen Modellarchitektur vorhersagen. Dazu zählen beispielsweise die Genexpression, Chromatinzugänglichkeit, Histonmodifikationen, Transkriptionsfaktor-Bindung, Spleißstellen-Nutzung und dreidimensionale Chromatin-Kontaktkarten. Trainiert wurde das Modell auf Basis experimenteller Datensätze aus öffentlichen Konsortien, die sowohl humane als auch murine Gewebe- und Zelltypdaten umfassen. 

Studienergebnisse im Detail

  • Überlegenheit gegenüber Vergleichsmodellen: 
    • AlphaGenome übertraf Vergleichsmodelle in 22 von 24 Benchmarks bei der sequenzbasierten Vorhersage regulatorischer Genomaktivität.
    • In 25 von 26 Benchmarks erzielte AlphaGenome eine gleichwertige oder bessere Leistung bei der Evaluierung von Varianteneffekten.
    • Bei der Vorhersage bekannter regulatorischer Varianten identifizierte AlphaGenome mehr als doppelt so viele klinisch relevante Varianten wie das beste Vergleichsmodell (41 % vs. 19 %).
  • Spleiß-Vorhersage: AlphaGenome kann Spleißstellen direkt modellieren und das resultierende Spleißmuster vorhersagen. Dadurch lassen sich spleißbezogene molekulare Folgen genetischer Varianten umfassend bewerten.
  • Mechanistische Validierung: Am Beispiel des Onkogens TAL1 sagte AlphaGenome korrekt vorher, dass bestimmte nicht-kodierende Mutationen neue Transkriptionsfaktor-Bindestellen erzeugen und so zur ektopischen Genaktivierung führen. TAL1 spielt eine wichtige Rolle bei der T-lymphoblastischen Leukämie (T-ALL). Die Vorhersage stimmte mit experimentellen Daten überein und wurde aus der Sequenz allein abgeleitet.
Abbildung 1: Architektur von AlphaGenome. Das Modell nimmt DNA-Sequenzen von bis zu einer Megabase als Eingabe und sagt gleichzeitig elf regulatorische Modalitäten vorher. Dazu gehören Genexpression, Chromatinzugänglichkeit, Histonmodifikationen, Transkriptionsfaktor-Bindung, Spleißstellen-Nutzung und dreidimensionale Chromatin-Kontaktkarten. Die hybride Architektur aus U-Net- und Transformer-Komponenten ermöglicht dabei eine Auflösung von bis zu einem einzelnen Basenpaar. Aus Avsec Z et al. Nature 2026;649(8099):1206-1218.

Fazit

AlphaGenome stellt einen methodischen Fortschritt in der Interpretation nicht-kodierender genetischer Varianten dar und liefert erstmals modalitätsübergreifende Vorhersagen aus einer einzigen Architektur. Für die Forschung an hämatologischen Neoplasien eröffnet dies neue Möglichkeiten zur Bewertung regulatorischer Varianten unklarer Signifikanz sowie zur Identifikation nicht-kodierender Treibermutationen – ohne aufwändige experimentelle Einzelvalidierung.

Referenz

Avsec Ž et al. Advancing regulatory variant effect prediction with AlphaGenome. Nature 2026. https://doi.org/10.1038/s41586-025-10014-0

Die Autorin

»Wenn Sie Fragen zu diesem Thema haben, kontaktieren Sie mich gerne.«

Dr. rer. nat. Katharina Hörst

Das könnte Sie auch interessieren

Dr. med. Katrin Schweneker
vom 27.11.2026

Von der Klinik zum Mikroskop - integrierte Diagnostik in der Hämatologie

In unserer Fortbildungsveranstaltung „Von der Klinik zum Mikroskop: Integrierte Diagnostik in der Hämatologie“ am 27. & 28.11.2026 möchten wir gemeinsam mit Ihnen den Einfluss von Klinik und Diagnostik auf Therapieentscheidungen beleuchten. Hier finden Sie alle Informationen.

Mehr erfahren

Julia Hennig
vom 25.06.2026

Moderne Befundkommunikation: Sicherer Austausch ohne Fax

Die sichere Übermittlung sensibler Gesundheitsdaten gewinnt zunehmend an Bedeutung. Digitale Kommunikationswege bieten heute eine zeitgemäße Alternative zum klassischen Fax.

Mehr erfahren

Dr. rer. nat. Frank Dicker
vom 25.06.2026

MRD-Diagnostik bei AML: Neue ELN-Richtlinien für Befundung und Therapiemonitoring

Neue europäische Richtlinien zur MRD-Messung bei akuter myeloischer Leukämie (AML) verbessern die Überwachung des Therapieerfolgs und helfen bei Behandlungsentscheidungen.

Mehr erfahren