Zum Sinn von Next Generation Sequencing bei Verdacht auf myeloische Neoplasie

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Vor kurzem publizierten die Kolleginnen und Kollegen um S. Vantyghem (Haematologica 01.03.2021, Seite 701-707)1,2 eine „Real-Life-Studie“. Im Mittelpunkt der Analysen standen 177 Patienten mit gemutmaßten oder bereits gesicherten myeloischen Neoplasien wie MDS oder MPN ohne finale Diagnose mittels Zytomorphologie und Immunphänotypisierung. Dabei wurde in einer ersten Kohorte ein NGS-Panel mit 34 Genen verwendet, um eine definitive Diagnose auszuschließen beziehungsweise zu stellen. In einer zweiten Kohorte wurde der Frage nachgegangen, inwiefern daraus prognostische und insbesondere auch therapeutische Konsequenzen zu ziehen wären, wenn somatische Mutationen nachweisbar waren. Diese Studie möchte ich Ihnen in diesem Artikel vorstellen.

Die Ausgangskonstellationen waren z. B. Anämie, Thrombozytopenie, Neutropenie oder insgesamt Panzytopenie, in anderen Fällen aber auch Thrombozytose oder Monozytose. Bis zur Auswertung der molekularen Analysen waren die finalen Diagnosen z. B. ICUS, Verdacht auf MDS/MPN oder auch Verdacht auf aplastische Anämie, fragliche MPN waren unauffällig für die klassischen 3 Treibermutationen. Für die Patienten in der zweiten Gruppe lagen schon Diagnosen auf der Basis der Morphologie und der Zytogenetik vor, zumeist mit Niedrigrisiko eines entsprechenden Scoring Systems.

Mittels NGS zeigte sich für die erste Gruppe bei einem Drittel der Patienten eine klonale Hämatopoese mit zumindest einer somatischen Mutation. Am häufigsten waren die Gene ASXL1, TET2 und DNMT3A betroffen. Diese finden sich natürlich auch bei klonaler Hämatopoese von unbestimmtem Potenzial (CHIP). Der Nachweis bei schon auffälligen Blutveränderungen sollte zu engmaschigeren weiteren Kontrollen führen; gegebenenfalls wäre aber auch ein fehlender Nachweis von somatischen Mutationen ein hilfreicher klinischer Informationsgewinn. Bei 33 % der Fälle konnte durch Positivbefund jedenfalls die Diagnose erhärtet, in weiteren 50 % durch Negativbefund weitestgehend eine maligne Erkrankung ausgeschlossen werden. Die Autoren regen an, solche Ergebnisse bei unklarer Konstellation in die klinische Entscheidungsfindung mit einzubeziehen, um diagnostische und therapeutische Unsicherheiten zu reduzieren.

Für die zweite Kohorte waren neben prognostisch relevanten Mutationen wie ASXL1 oder RUNX1 auch therapeutisch wichtige Mutationen wie z. B. in SF3B1 nachgewiesen worden. Insgesamt gehen die Autoren somit davon aus, dass bei unklaren Konstellationen die klinische Sicherheit der Diagnostik und die Beratung der Patienten bei 83 % der untersuchten Fälle verbessert werden, und für 19 % der untersuchten Fälle (Kohorte 2) sich prognostische und/oder therapeutische relevante Informationen ergeben haben. Die Publikation beschäftigt sich darüber hinaus auch mit der Frage, inwieweit die hier enthaltenen Informationen durch das myeloische NGS-Panel nicht nur klinisch und therapeutisch, sondern auch im Rahmen einer Gesamtkostenkalkulation relevant sein können. Wiederholte und weitere diagnostischen Maßnahmen oder gegebenenfalls auch eine Übertherapie (z. B. allogene Transplantation) bei Patienten könnten durch Ausschluss klonaler Veränderungen vermieden werden. Weitere vergleichende Analysen werden angeregt. In Anbetracht der fallenden Kosten für Sequenzierung ist aber schon jetzt davon auszugehen, dass nicht nur der klinische Zugewinn für Patienten sondern auch der ökonomische Nutzen in Zukunft eine frühzeitigere Verwendung von molekularen Screenings mittels NGS sinnvoll macht.

1 Vantyghem S et al. Diagnosis and prognosis are supported by integrated assessment of next-generation sequencing in chronic myeloid malignancies. A real-life study. Haematologica 2021;106(3):701-707.
2 Haferlach T. The time has come for next-generation sequencing in routine diagnostic workup in hematology. Haematologica 2021;106(3):659-661.